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Zu einem meiner Lieblingsplätze in der Universität hat sich ja mittlerweile die Cafeteria in der Zentralbibliothek entwickelt. Dieser Ort scheint zu einer Art neutralem Hafen geworden zu sein, von jeder hinkommen kann und sagen darf, was er will und wo es ihn auch nicht schert, wer das alles zu hören kriegt.

Ich wunderte mich zum Beispiel, warum sich neulich zunehmend die plumpe Witze reißende Jogginghosenfraktion ausgerechnet immer mehr in der Bibliothek zusammenrottete. Bis ich eines Abends kurz vor Toresschluss (da gibts immer die Restbrötchen billig) mit einem Ohr mitbekam, wie einer dem anderen erklärte, dass Frauen, die viel lernen, weniger Selbstvertrauen haben. Daher seien sie leichter „klarzumachen“. Ob dieser Plan in der Bibliothek von Erfolg gekrönt war, ließ sich aber nicht mehr feststellen. Irgendwie hatte es sich nämlich rasch wieder ausgejogginghost.

Auch gut war eine Truppe von mutmaßlichen Jura-Studierenden (will ich aber nicht beschwören). Die Jungs unterhielten sich lautstark über die Vorteile von Ritalin und spekulierten darüber, wie sie wohl an die nächste Dosis kommen würden. Dabei fiel folgender denkwürdiger Satz: „Ich frage einfach mal meinen Hausarzt. Dass ich keine Lust zum Lernen habe, zeigt ja eigentlich schon, dass ich krank bin. Dann muss er mir das ja eigentlich verschreiben, oder?“ Nun…

Erheiternder war da schon eine Gruppe junger Frauen, die sich offensichtlich nach der vorlesungsfreien Zeit zum ersten Mal wieder traf. Das war ein Gejuchze und Gekicher, Geqietsche und Geknutsche. Und dann fingen sie an, sich auszuziehen, um ihre Bräunungsstreifen aus den jeweiligen Urlaubsreisen zu vergleichen. Wo auch, wenn nicht in der Cafeteria?

Aber auch das Lehr- und Forschungspersonal kommt in den heiligen Hallen der Bibliothekscafeteria gerne zusammen. Das ist zwar in der Regel nicht so witzig, ersetzt aber so manche Vorlesung. Kürzlich habe ich während eines kleinen Kaffees eine Menge über Luther-Editionen gerlernt. Oder über das Ende des Osmanischen Reichs und die altgriechischen Wurzeln des Namens Instanbul.

Der wirkliche echte Humor hält aber sowieso erst dann Einzug, wenn die Studentenwerksmitarbeiter aus der Vorratsabteilung über den kleinen Raum herfallen, um Nachschub zu bringen. Die beklagen sich nämlich dann fortwährend, wie schwer sie es haben. Jüngst musste einer Der Männer zu Boden gehen, um einen Kühlschrank mit neuen Fressalien zu bestücken und sagte dabei in Mitleid erregendem Tonfall: „Ach ach. Jetzt muss ich mich bei der Arbeit auch noch hinknien.“ Sagt der andere: „Nur hör auf zu jammern, das machst du doch gerne. Wie zuhause bei deiner Frau.“

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Ich treibe mich ja immer mal wieder in Berlin herum, um einen kleinen Perspektivenwechsel zu bekommen. Diesen Perspektivenwechsel hatten wohl auch die Metaller in der Wikingerkneipe gegenüber vollzogen, die mich jüngst mitten in Nacht weckten, weil sie gemeinsam lautstark „Africa“ von Toto grölten. Nun denn. Elk sien Möög.

Schön fand ich auch, den kleinen Jungen und das kleine Mädchen, die ich auf der Straße traf. Sie waren sehr vertieft in ein Gespräch über das Verhältnis von Mädchen und Jungs. Sie plapperten und plapperten und er wollte dann schließlich einmal konkrete Zahlen haben und forderte sie auf: „Sag mal alle Jungs aus deiner Klasse, die du mindestens ein Prozent magst!“

Sie verfiel in Schweigen, legte die Stirn in Falten und überlegte. Und überlegte. Und überlegte. Und überlegte…

Da sieht man, dass „Men are Trash“ offenbar schon sehr früh beginnt…

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Steht ein Linguistikprofessor im Supermarkt vorm Nudelregal und murmelt: „Ich kann mich nicht entscheiden, sie haben alle so schöne Diminutive.“

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„Im Sechzehnmeterraum geht’s rund. Da wird ein bisschen, gezogen, da wird ein bisschen gefummelt – scheint den Jungs irgendwie Spaß zu machen.“

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Deutschland fliegt in der Vorrunde aus der WM. Hätte zumindest den Vorteil, dass es keinen Autokorso gibt.

Geweckt wird man in der Nacht trotzdem. Und wodurch? Durch einen einzelnen besoffenen Mann, der draußen auf der Straße erbarmungswürdig singt: „Europapokal! Europapokal!“

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„Wir hatten uns von dem Spiel etwas mehr erwartet. Das ganze ist ein bisschen wie eine Pilcher-Verfilmung. Da wird ein bisschen herumgefummelt, aber mehr passiert dann auch nicht.“

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Seitdem ich neuerdings Fußball wieder über Antennenfernsehen gucke (die neueste Variante ist, glaub ich, DVB-T2), bin ich auf einmal der erste in der Reihe derer, die das TV-Signal empfangen. Es ist sehr schön zu hören, wie sich der Jubel oder das Entsetzen wellenartig durch die Nachbarschaft verbreitet. Da gibt es die Leute von nebenan, die nur etwa zehn Sekunden in Verzug sind. Ein Stückchen weiter weg ist eine Gruppe beheimatet, die so um und bei dreißig Sekunden Verzögerung ertragen muss. Und irgendwo in der Ferne hört man dann die armen Seelen, die eine Minute hinterher sind.

Ob man wohl, wie beim Gewitter, durch Sekundenzählen die Entfernung abschätzen kann?

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Ich kann bei den Fußballübertragungen auf den Öffentlich-Rechtlichen ja nur immer wieder den alternativen Kommentar empfehlen, der eher einer Radioreportage gleicht. Weil die Kommentartoren da so viel reden müssen, gibt es da auch viel mehr von solchen geilen Schoten wie „Das Spiel ist so kreativ wie die Herrenwitze in der Sauna“.

Ich werde in den kommenden Tagen mal ein paar ausgewählte Exemplare hier festhalten.

(BTW: Claudia Neumann rocks!)

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Damp ist ein Ort ganz nach meinem Geschmack. Man nehme einen der schönsten Fleckchen Erde, die in Deutschland zu finden sind, und pflastere ihn mit einer breiten Auswahl der hässlichsten Architektur zu, die das menschliche Hirn ersinnen kann. Wunderbar.

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Wahlplakate sind ja sowieso schon so ne Sache. Auf dem handelsüblichen Wahlplakat sieht meiner Meinung nach auch der normalste Mensch wie ein Verbrecher aus. Aber bei folgendem musste ich zweimal hinsehen, um zu erkennen, dass es sich um ein Wahlplakat handelt und nicht um eine Reklame für ein junges, dynamisches Krematorium.

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Die Vorlesungszeit hat wieder begonnen. In meinem Seminar sitzt auch eine Studentin, die schon im vergangenen Semester meine Veranstaltung besucht hat. Sie stimmte die Neuen dann auch gleich darauf ein, was sie zu erwarten haben: „Ey, im letzten Semester waren wir nur Mädels im Kurs, aber die einzige Feministin, das war Temmo!“

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Ich habe geträumt, dass ich bei einem Pärchen zu Besuch bin, wo die Frau schwanger ist. Dann auf einmal kriegt sie Wehen. Ich springe auf und sage: „Ich geh dann mal besser, ihr habt jetzt was anderes zu tun.“

Dann will ich rausstürmen, stoße dabei aber gegen einen Tisch und werfe so einen Karton voller Kerzen um. Diese rollen alle über den Fußboden. Ich will das Ganze schnell wieder aufräumen, da kommt der Mann fuchsteufelswild auf mich zu und brüllt: „Du machst das falsch!“ Er besteht darauf, dass ich die Kerzen genau nach Farbe und Länge sortiere und beaufsichtigt mich dabei genau und brüllt mich immer an, wenn ich seiner Meinung nach einen Fehler mache.

Nebenan sitzt die Frau und beginnt, ihr Kind zu kriegen und sagt: „Nun hör doch mit den Kerzen auf, ich muss ins Krankenhaus!“ Und der Mann total sauer: „Nein! Hier geht keiner weg, bevor die Kerzen nicht wieder sortiert sind!“

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Mutter zu Vadder: „Hast du das Handballspiel von Deutschland gegen Spanien geguckt?“
Vadder: „Nee, das wollte ich nicht gucken, ich wusste, dass das daneben geht.“
(Kurze Pause)
„Ich habe lieber ‚Stalingrad‘ geguckt…“

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Das ist es wieder, pünktlich wie die Maurer: Termos Silversterorakel für alle, die es verdient haben und haben wollen. (Und Bescheid gesagt haben und einen Platz bekamen und die ich nicht vergessen habe).

Ich habe lange überlegt, was ich denn dieses Mal für Euch anstelle. Sollte es eine altbekannte und -bewährte Quelle der kosmischen Weisheit sein? Bleigießen war ja im vergangenen Jahr sehr erfolgreich. Aber dann fiel es mir wie Schuppen von den Augen: Ich selbst, das mächtigste Orakel der westlichen Welt, hatte ja kürzlich erst ein Werk produziert, das – aus dem richtigen Blickwinkel betrachtet – eine Unmenge an orakeligem Material enthält.


Dazu muss man wissen: In diesem Jahr habe ich es zum ersten Mal geschafft, den NaNoWriMo erfolgreich abzuschließen, das ist diese Aktion, wo man versucht, in einem Moment (November) einen Roman im Umfang von 50.000 Wörter zu verfassen.

Da ich aber weiß Gott genug anderes zu tun hatte, entstand der Text fast ausschließlich in einem Zustand, der sich ganz gut als Feierabenddelirium beschreiben lässt. Dabei befinden sich Körper und Geist in einem Stadium zwischen Schlafen und Wachen, zwischen Leben und Tod, zwischen Pommes und Schranke. Während des Verfassens dieses Texts badete ich also quasi fortwährend in der kosmischen Energie, die ein Medium mit Zukunft und Vergangenheit verbindet.

Der Roman, den ich damals verfasste – seine literarische Qualität soll hier nicht zur Debatte stehen – lag einen Monat lang unbeachtet in einer Schreibtischschublade. Diese unbearbeite Rohfassung ist also 1A-Material für das Orakel.

Euch wird es diesmal dadurch allerdings auch nicht gerade leichtgemacht. Das diesjährige Orakel fällt in jene Kategorie, in der ich keinen zusätzlichen Deutungsvorschlag mache, wie es beim Bleigießen oder Tarot der Fall ist. Ihr kriegt den nackten Spruch, eine Textstelle aus der besagten Rohfassung des Romans, in ausgiebiger Meditation für jede einzelne und jeden einzelnen von Euch gefunden.

Eine besondere Schwierigkeit besteht für Euch darin, den speziellen Ton herauszufiltern, der sich in diesem als Roman intendierten Werk an der Oberfläche befindet, das feine Seidentuch der Fiktion, das sich sanft über die kosmische Wahrheit gelegt hat.

Viel Spaß. (Orakel gleichzeitig kostenlose Vorab-Leseprobe.)

[Den gesamten Eintrag lesen…]

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„Für Ihre Körpergröße gibt es das nicht. Es gibt zwar die Größen Klein, Normal und Groß, aber die Herstellerfirma sitzt in Bayern. Und was in Bayern als Groß gilt, das ist bei uns eben nur Normal.“

Ist das schon Alltagsrassismus oder einfach nur die Wahrheit? Oder beides?

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Wochenmarkt ist ja leider auch immer so unangenehme Erfahrung: Früh morgens, Menschenmassen und dazu kriegsähnliche Zustände. Wenn ich mich einmal auf einem Wochenmarkt wiederfinde, dann nur, weil ich durch Umstände dort ungeplant hineingeraten bin.

Ich meine, eigentlich ist das ja nicht so ne schlechte Sache. Frische Waren und so, direkt vom Landwirt oder Apfelzüchter. Mein subjektives Gefühl entspricht allerdings immer eher dem eine Labyrinths in einem Dungeons&Dragons-Spiel. Irgendwie durchkommen und überleben, nur gibt es nichts zum plündern.

Neulich fand ich mich am frühen Morgen in der Situation wieder, dass zwischen der Bushaltestelle, an der ich gerade ausgestiegen war, und dem Ort eines Termins, zu dem ich unterwegs war, ein ausgedehnter Wochenmarkt lag. Gut, natürlich hätte ich einen Umweg nehmen und drumherum gehen können. Aber man denkt sich dann ja doch immer: „Ich gebe doch jetzt nicht jeder kleinen Sozialphobie nach! Wo kommen wir denn da hin?“

Also mit den richtigen Strategie quer durch. Man darf nicht zu langsam gehen, damit man nicht zu interessiert an irgendeiner Auslage erscheint, aber auch nicht zu schnell, weil man dann unangenehm auffällt. Und meistens kann man auch gar nicht allzu schnell laufen zwischen den Menschen.

Noch bevor man aber den eigentlichen Wochenmarkt betreten hat, ist in der Regel das erste Hindernis zu überstehen. Man wird von einer oder mehreren Personen mit selbstgemachter Musik beschallt, gerne von Akkordeon oder Flöte, manchmal Drehorgel. Ungeachtet der Qualität wird man erst mit erwartungsvollem Hundeblick belegt und dann mit vorwurfsvoller stiller Verachtung überschüttet, wenn man entkommen ist.

Auf dem Markt selber hat man es dann mit zwei Sorten von Gegnern zu tun: Den Verkäufern und den Kosumenten. Das Überleben ist nur möglich, weil diese beiden Gruppen nicht gemeinsam gegen einen vorgehen, sondern vor allem miteinander zu tun haben. Die Verkäufer sind dabei ganz unterschiedlichsten Typs. Am unheimlichsten finde ich es immer, wenn man versehentlich den Blick eines Schlachters auffängt, der überlegen und herausfordernd auf seinem großen Berg toter Tiere hockt und einem zu sagen scheint: „Dich krieg ich auch noch.“

Auch eine besondere Spezies sind die sehr spezialisierten Händler. „Na? Willst du Honig? Jeder will Honig! Kauf meinen Honig! Meine Bienen sind die Besten.“ Gefährlich ist aber die Masse still miteinander verbündeter Verkäufer, die alle die gleiche unsinnige Ware in rauen Mengen und überprominent in ihre Auslage haben, damit die Laufkundschaft auf jeden Fall begreift, dass man das Zeug unbedingt benötigt und besser auf Vorrat kauft. Ich ertappte mich neulich selber bei dem gefährlichen Gedanken: „Oh super! Heute Mittag mache ich eine schöne herzhafte Tannengrünsuppe. Und morgen auch! Und übermorgen auch.“

Bösartiger sind aber die Besucher des Marktes, nicht die Verkäufer. Trotz großer Vorsicht wurde ich neulich zweimal mit einem Rollator angefahren. Und einmal bekam ich sogar Anschiss dafür, dass die ältere Dame mir in die Hacken gefahren war. Um zu überleben, muss man eiskalt die Schlacht zwischen der Laufkundschaft und der Händlern oder zwischen den Kunden untereinander ausnutzen. Wenn zum Beispiel eine ältere Dame moniert, dass in der letzten Woche eine Kartoffel nicht gut gewesen sei, dann sind viele destruktive Energien ein paar Momente gebunden.

Eine gefährliche Ecke habe ich neulich rasch überbrücken können, weil eine gut gekleidete Dame mittleren Alters offenbar nicht zusammen mit dem gemeinen Volk die Ware von der Verkaufsseite der Stände begutachten wollte, und daher um den Stand herum ging und sich zur Prüfung der Produkte neben den Händler stellte. Dieser war zunächst verdattert, aber die anschließende aufsehenerregende Empörung konnte ich geschickt nutzen, um den Endboss zu umgehen. Beim Verlassen des Marktes hörte ich nur noch in der Ferne: „Was würden Sie denn sagen, wenn ich einfach so früh morgens durch Ihr Wohnzimmer laufen würde?“